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Interviewreihe "Allover" Teil 5: Jörg Sasse

Beitrag von Alexander Leinemann - 10. März 2021

Nur wenige Minuten von den Ufern der Havel entfernt befindet sich das Atelier des Künstlers Jörg Sasse. Fern dem Großstadttreiben der deutschen Hauptstadt und inmitten von malerisch anmutender Landschaft, die Vorlage für unzählige romantisierte Bildwirklichkeiten sein könnte, führte mich die Einladung des Künstlers in sein Studio und zu einem weiteren Interviewgespräch.


Als Vertreter der „Düsseldorfer Fotoschule“ sowie Meisterschüler von Bernd Becher bildet Jörg Sasses Schaffen aber bereits seit mehreren Jahrzehnten diametrale Positionen zu den Arbeiten des Lehrers aus. Spuren von fotografischen Typologien, Aufnahmen in Schwarz-Weiß oder das Interesse an skulptural erscheinenden Abbildungen von Industriegebäuden sucht man in seinem Werk vergeblich. Sasses Bildsprache ist eigenständig und durch einen jahrelangen Erkenntnisgewinn mit Sicht auf die Fotografie und deren Möglichkeiten als autonomes Medium bestimmt. Bilder von zunächst fotografisch anmutender Detail- und Informationsgenauigkeit verrätseln bei genauerer Betrachtung ihren innewohnenden Inhalt und lassen den Betrachtenden bisweilen ratlos zurück. Das scheinbar von indexikalischer Genauigkeit bestimmte Medium wird zu einer von jeglicher Beiläufigkeit bestimmten Bildgegenwart, in der weder nostalgische Erinnerungsmomente oder ausschweifende Verortungen des Gesehenen ermöglicht werden. Der künstlerische Eingriff erschafft eine Fotografie, die den Betrachtenden zu einem genaueren Hinsehen zwingt und in der dadurch initiierten Prozesshaftigkeit das allgemeine zu einem erkennenden Sehen für Zukünftiges vorbereitet und schult.


Der Künstler Jörg Sasse und sein Portfolio bilden in der inflationären Verbreitung des Fachterminus „Allover“ eine weitere Positionierung aus, die sich dennoch von den vorherigen Beispielen abgrenzt. Denn auch wenn der Begriff erneut im Schaffen eines weiteren Mitgliedes aus dem Kreis der „Becher-Schüler“ aufzufinden ist, so verdeutlichte die exakte Sichtung die zahlreichen Unterschiede und spezifischen Feinheiten der Bilder. Die daraus gewonnenen Ergebnisse sind für das gesamte Forschungsprojekt von enormer Wichtigkeit und schließen den Bereich der fotografischen Verbreitung des Fachbegriffes „Allover“ somit ab.

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