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Hans Kaiser: Auf den Spuren eines Grenzgängers

Gastbeitrag von Lena Thelen und Justus Beyerling - 15. März 2021

Hans Kaiser, Am Cap Martinet, 1960, Mischtechnik auf Pappe auf Holz, 80 x 105 cm, Gustav-Lübcke-Museum Hamm, Foto: © Gustav-Lübcke-Museum Hamm / Thorsten HübnerHans Kaiser (29.04.1914-02.10.1982) war, wie es sein Freund der Kunstkritiker John Anthony Thwaites ausgedrückt hat, ein „frontalier“, ein Grenzgänger zwischen Figuration und Abstraktion, zwischen Malerei und angewandter Kunst, zwischen regem Austausch mit künstlerischen Zeitgenossen und zurückgezogener Auseinandersetzung mit sich und seinem eigenen Werk – so entzog er sich in seinem Bedürfnis nach Unabhängigkeit in weiten Teilen der Teilnahme an Künstlergruppen, Gruppenausstellungen sowie insbesondere dem Kunstmarkt.

 
Obschon das Werk Hans Kaisers nach dessen Tod verschiedentlich in Einzel- und Gruppenausstellungen zu sehen war und in diversen öffentlichen Sammlungen vertreten ist, hat sich die kunsthistorische Forschung bisher nicht eingehend mit diesem befasst. . Dabei ist er spätestens ab 1957 mit der Serie der Losschreibungen künstlerisch auf der Höhe der Zeit, was er nicht zuletzt in der maltechnischen Innovation seiner bereits 1958 entstehenden Brandbilder unter Beweis stellt. Eine eigenständige Position entwickelt er ab 1960 mit den Bildern des Ibizenkischen Tagebuchs, den „explodierten Landschaften“ (Thwaites), die das konkrete Naturerlebnis in komplexe Farb- und Schrifträume überführen: Teils sind die Arbeiten mit kalligrafischen Pinselschwüngen ‚überschrieben‘, teils ganz aus farbigen Schriftzeichen aufgebaut (siehe Abb.).
 
Hans Kaiser, Am Cap Martinet, 1960, Mischtechnik auf Pappe auf Holz,
80 x 105 cm, Gustav-Lübcke-Museum Hamm,
Foto: © Gustav-Lübcke-Museum Hamm / Thorsten Hübner

 
 
In den 1970er Jahren führt er neben zahlreichen angewandten Arbeiten, wie etwa seinen Kirchenfenstern für die Kathedrale in Washington, die Erkundung des Bildraums durch Farbe und Schrift vor allem in Serien von Gouachen fort, wohingegen die Bilder seines Spätwerks vermehrt fast monochrome Farbräume darstellen.

 

Hans Kaiser_82. Ibiza 1960, 1961, 1965 und was aus mir wurde, 1965, Öl auf Leinen, 210 x 320 cm.jpg

Zwischen Formwerdung und Formauflösung wandelnd, offenbaren die Werke Kaisers so den Versuch, stetig neue Korrelationen und Kausalitäten zu erkennen und damit unzähligen Varianten von Wirklichkeit Ausdruck zu verleihen. Auch deshalb erscheint die in seinen Werken eindringlich spürbar werdende Überwindung der Grenzen zwischen Schrift und Bild als logische Konsequenz einer künstlerischen Haltung. 
 
Seit 2002 ist das Gustav-Lübcke-Museum im Besitz des künstlerischen Nachlasses Kaisers.
Das Konvolut aus mehreren hundert Zeichnungen und Gemälden wird nun seit Juli 2020 in Form eines zweijährigen Forschungsprojekts untersucht. Ziel ist es, den Bestand zu systematisieren, zu digitalisieren sowie kunsthistorisch zu kontextualisieren. Die Ergebnisse werden im Sommer des Jahres 2022 in Form einer Ausstellung sowie einer Publikation veröffentlicht. Das Projekt wird in Kooperation mit dem Institut für Kunstgeschichte der Heinrich-Heine-Universität umgesetzt und durch das Förderprogramm „Forschungsvolontariat Kunstmuseen NRW“ des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen unterstützt. Weitere Assoziierte stellen das Museum Wilhelm Morgner und das Stadtarchiv in Soest dar.
 
Hans Kaiser, Ibiza 1960, 1961, 1965 und was aus mir wurde, 1965,
Öl auf Leinen, 210 x 320 cm, Privatbesitz,
Foto: © Erbengemeinschaft Hans und Hilde Kaiser / Heinz Feußner.
 
Ebenfalls seit 2002 befasst sich der Hans-Kaiser-Kreis e.V. damit, das künstlerische Werk Hans Kaisers in seinen unterschiedlichen Facetten – einerseits die Malerei, andererseits die angewandte Kunst in Form von Glasfenstern und Mosaiken im öffentlichen und privaten Raum – durch Ausstellungen und Publikationen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Hierbei kooperiert er eng mit dem Stadtarchiv in Soest, in dem der schriftliche Nachlass eingesehen werden kann, und dem ebenfalls in Soest beheimateten Museum Wilhelm Morgner. Dort werden nicht nur Werke aus der Sammlung gezeigt, sondern im 2016 eröffneten Hans-Kaiser-Raum auch regelmäßig Ausstellungen organisiert. Neben Einzelausstellungen läuft seit 2018 die KAISERREIHE, die Hans Kaiser im Dialog mit jungen Künstlern zeigt und sein Werk auf dessen Aktualität hin befragt. Informationen zu aktuellen Ausstellungen und Publikationen finden sich auf der Internetseite des Hans-Kaiser-Kreises: https://www.hans-kaiser-kreis.de/
 
 
Lena Thelen (Forschungsvolontärin, Gustav-Lübcke-Museum)
Justus Beyerling (Hans-Kaiser-Kreis e.V.)
 
 
Weitere Informationen
 
Hans Kaiser Kreis e. V. https://www.hans-kaiser-kreis.de/  

Künstlerischer Nachlass im Gustav-Lübcke-Museum, Hamm https://www.museum-hamm.de/

Schriftlicher Nachlass im Stadtarchiv, Soest, online einsehbar über https://www.archive.nrw.de/archivsuche?link=FINDBUCH-20036400000140

Verwaltung des Werkverzeichnisses durch Anna Felix, die Tochter des Künstlers. Kontakt: [Email protection active, please enable JavaScript.]  
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